Lundy Island
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Essay

[Beispiel]

Heilige Stille, einfach so Lundy Island – away from it all

 

Für das Magazin marie claire Harald Klöcker (Text), Fritz Thewes (Fotos)

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Über die Dosis läßt sich streiten: fünf Tage Lundy, eine Woche Lundy, manche meinen, drLundy Islandei Tage Lundy im Herbst oder Frühjahr genügen schon, um den Nerven eine gehörige Erholung zukommen zu lassen. Und dann gibt es noch diese Tagesgäste, die sich nacheinigen Stunden auf der Insel schon wieder verabschieden, das eine oder andere Souvenir, vor allem aber den Eindruck mitnehmen, Lundy sei langweilig.Was soll man dazu sagen? Vielleicht ist es gut so, daß sich an Lundy die Geister scheiden. Spreu von Weizen. Daher ist es auch durchaus nicht so, daß die wenigen, die sich Lundy für drei Tage oder länger selbst verordnet haben, geknickt Lundy Island und tieftraurig am Strand zurückbleiben und ihr Schicksal beweinen, wenn mit der Nachmittagsfähre die Tagesgäste davonfahren. Ahhh, weg sind sie. Endlich wieder Ruhe und „away from it all“. Nach einem solch glücklichen Moment des Abschieds schlürft man auf Lundy den nachmittäglichen „cup of tea“ um so genüsslicher und sinniert schon in Hinblick auf den Abendspaziergang: heute vielleicht noch einmal zum White Beach an die Rhododendronküste; oder nordwärts bis zum Gull Rock; oder gar – ein Anflug von Verwegenheit – bis über den Threequater Wall hinaus bis zum Gannets´ Rock oder noch weiter bis zum North East Point und Puffin Gully, wo sich die Papageientaucher zwischen den Felsen verbergen? Schlürfend den heißen Tee, die Landkarte vor Augen, reift die Überlegung, heute am Friedhof und alten Leuchtturm vorbei an der Westküste bis zum Punchbowl Valley zu gehen, dort am Strand nach Muscheln zu suchen und dann im Abendlicht aufs Meer hinauszuschauen. Einfach so. Zur späten Stunde eine Eintragung in die Agenda: „Wieder ein Abendspaziergang und keiner Menschenseele begegnet – dafür aber mehreren Schafen, zwei Enten und einem Kaninchen. Gelbe Narzissen nahe Pondsbury-Tümpel. Herings- und Lachsmöwen im Wind. Im Dunkeln dann: das Getöse der Brandung, ein klarer Sternenhimmel und die Lichter eines Leuchtturms drüben in Wales. Ein letzter Drink in der Marisco Tavern. Lundy Island – Weite Blicke. Langeweile? Immerhin ist Lundy, dieser 18 Kilometer vor der Küste Devons im Bristol Channel gelegene Granitsockel, fast fünf Kilometer lang und einen Kilometer breit. Das Inventar der Insel: drei Leuchttürme, ein Pub, ein Lebensmittelgeschäft, ein kleines Hotel, einige Farm- bzw. Ferienhäuser, eine viktorianische Kirche, ein Friedhof, eine Burgruine aus dem 13. Jahrhundert, ein Hubschrauberlandeplatz, ein Campingplatz, ein Windgenerator, einige wenige Traktoren und Kleinfahrzeuge; der Rest, das sind Wiesen, Cliffs, Sumpfland, Felsen- und Geröllhänge, überall Wildblumen und Kräuter, Farn und Heidekraut; Fuchsien, Eichen und Rhododendren an der Ostküste, viel Stille, Wind, das Getöse der Brandung und die Schreie der Seevögel, kurzum: viel „away from it all“, wie der Slogan lautet, mit dem sich Lundy in touristischen Prospekten präsentiert. Rund 20 Menschenseelen leben ständig auf Lundy, dazu gesellen sich Hunderte von Schafen, einige Rinder, Hühner, Ziegen, Enten, Ponies, Rehe, Ratten und Kaninchen. Etwa 400 Vogelarten wurden registriert, rund 40 Arten brüten regelmäßig auf der Insel. 27 Schmetterlingsarten wurden gezählt. In den letzten Jahren wurden einige Farmhäuser restauriert, vergrößert und mit Fremdenzimmern ausgestattet. Bis zu 100 Personen können in der sommerlichen Hochsaison in den diversen Ferienhäusern übernachten. Das ganze Jahr hindurch verkehrt eine Fähre, die MS Oldenburg, zwischen Bideford oder Ilfracombe auf dem Festland und Luny Island. Die Passagiere müssen in einer Bucht im Südosten der Insel von der MS Oldenburg in ein Landungsboot umsteigen und werden von diesem ans Ufer gebracht. Von dort führt ein Serpentinenweg hinauf zum Milcombe House, zu Pub, zum Shop. Seit 1969 gehört die Insel der Landschaftschutzgesellschaft National Trust, die Lundy seitdem an den Landmark Trust verpachtet hat. 1987 wurden die Gewässer rings um die Insel zum Meeresnaturreservat erklärt; es gilt als das erste dieser Art in Großbritannien. Wer heute über Lundy spaziert, sich an der Tier- und Pflanzenwelt, der Stille im Wind und dem grandiosen Blicken über den Atlantik erfreut, kann sich lebhaft vorstellen, daß die Insel vor Jahrhunderten ein Piratennest war. Im 12. Jahrhundert terrorisierte von hier der Seeräuber William de Marisco die Bewohner der nahegelegenen Küsten. Später fiel die Insel an die britische Krone, dann um 1610 an den selbsernannten König von Lundy Captain Salkeld. 1625 soll die Insel gar für zwei Wochen von den Türken besetzt worden sein. Später dominierten die Franzosen, britische Schmuggler, eine obskure Heaven family und wechselnde Privatbesitzer das Eiland. Zwischen 1925 und 1954 gehört Lundy einem gewissen Martin Coles, der den Wildbestand auf der Insel vergrößern ließ und vor allem Rehe, Gänse, Ziegen und Fasane aussetzte. Der Name Lundy leitet sich übrigens von der norwegischen Bezeichnung „lund“ für Papageientaucher ab, die ehemals in großer Zahl und heute nur noch in kleineren Kolonien in den Höhlen der Cliffs nisten. Auf der kleinen Nachbarinsel Rat Island sollen gar noch einige Exemplare der seltenen schwarzen Ratten leben; auch eine Spitzmausart soll dort überlebt haben, von der es heißt, es gebe sie ausschließlich nur noch auf Rat Island. Als Rarität gilt auch die Kohlsorte Lundy cabbage, die es nur auf der Insel und sonst nirgendwo auf der Welt geben soll. Gleiches wird von zwei Käferarten behauptet. Von der Marisco Tavern, dem Pub und Gemeindesaal für feste Bewohner und zeitweilige Erholungsgäste, muß noch die Rede sein. Man trifft sich hier zum Frühstück, zum Abendessen, zum letzten Drink vor der Nachtruhe. Ein Telefon und eine Poststation gibt es hier. Lundy´s eigene Briefmarke, geziert von einem Papageientaucher, ist erhältlich; auch – neben anderen Sorten – Lundy´s eigenes Bier. An den Wänden, in Regalen und Vitrinen sind wie in einem Museum Gegenstände ausgestellt, die auf der Insel gefunden, ausgegraben, angeschwemmt oder den Bewohnern geschenkt wurden: alte Wkiskyflaschen; Rettungsringe, zerbrochene Ruder, Schiffsschrauben, Flaggen, Muscheln, Lampen und Porzellan. 250 Schiffswrack sollen vor den Küsten Lundy´s auf dem Grund des Meeres liegen. Eine Karte markiert die Stellen, wo die Wracks gefunden wurden. Immer noch, so heißt es in der Marisco Tavern, werden heute Überbleibsel aus den Lade- und Mannschaftsräumen von gesunkenen Schiffen angeschwemmt. Langeweile? Mitnichten. So viele Wege, die man noch nicht gegangen, so viele Buchten, Küstenabschnitte und Hänge, die man noch nicht erkundet, so viele Ausblicke, die man noch nicht genossen hat. Da gibt es nahe den Ruinen des Old Hospital diesen versteckten Tümpel, in dem sich Goldfische tummeln. Da gibt es den Weg zum Leuchtturm am North West Point, die Ruinen des John O’Groats House, wo heute die Kaninchen über die Trümmer hoppeln und der Farn wuchert. Da gibt es diese Bucht am St Jame’s Stone, wo gelegentlich Robben zu beobachten sind. Kommt man hier nicht ganz allein auf den Gedanken, es wäre wohl lohnend gewesen, das eine oder andere Bestimmungsbuch für Vögel, Schmetterlinge, Wildblumen und Kräuter nach Lundy mitzunehmen, um am Abend in aller Ruhe nachzuschlagen, was man tags betrachtet oder gesammelt hat? Auch ein Fernglas sollte man stets bei sich tragen. Bunte Federn fand ich am Hang nahe Tibbet’s Point, wohlgeformte Muscheln in der Lametry Bay. Die Suche nach einer Flaschenpost, einer alten Brandy- oder Whiskyflasche blieb indes erfolglos. Dafür könnte ich verraten, wie viele Leuchttürme man in sternklarer Nacht von Beacon Hill aus sehen kann; in welchem verfallenen Gebäude sich abends die Stare zur Nachtruhe sammeln; wo man mit ein wenig Glück frühmorgens Rehe beobachten kann; wo gewöhnlich die Inselponies grasen und wie der Lundy cabbage schmeckt. Das alles steht in meiner Agenda nachzulesen. Die Schafe habe ich nicht gezählt, aber einmal die Tagesgäste, wie sie nach dem Anlegen des Landungsboots gehetzt, fast im Laufschritt und dazu noch immer wieder fotografierend den Serpentinenweg zur Marisco Tavern erklommen. Derweil saß ich zwischen Wildblumen auf einer Anhöhe, biß genüßlich in mein Sandwich und spürte schon, wie sich Lundy’s heilige Stille besänftigend und erholend über die Nerven breitete. Die Schafe blökten, die Sonne schien und die Möwen sichelten im Wind. Ahhh, „away from it all“, einfach so.